Bleibt alles anders?

„Ich habe nicht nur Glück gehabt, ich bin ein absolutes Glückskind! Ich hatte Glück, dass ich überhaupt gezeugt wurde, zwischen zwei Haftstrafen meines lieben Vaters, Glück, dass meine Mutter es im Bombenkrieg schaffte, mit mir auf dem Rücken zu überleben. Glück, dass ich eine Oma Meume hatte, Glück, dass ich mit sechzehn in die DDR ging. Glück, in den Sog des Berliner Ensembles zu geraten. Riesiges Glück, dass meine Lieder in der DDR verboten wurden, Glück, dass ich in die Demokratie des Westens geschmissen wurde. Riesenglück, dass ich 1983 die Frau gefunden habe, nach der ich so intensiv gesucht hatte: Pamela! Mein ganzes Leben hat sich durch sie geändert. Sie sehen: Ich bin kein Übertreiber, wenn ich sage, dass ich in all diesen Zeiten, die sehr bewegt waren und immer noch sind, bis jetzt immer großes Glück hatte.“ (Wolf Biermann (90) im Interview mit Giovanni di Lorenzo, ZEITmagazin Nr.42/2026)

„Was wahr ist, will GELERNT sein, es ist nicht einfach da, es erschließt sich nicht von selbst, was wahr ist, will entdeckt, befragt, begriffen, verstanden sein. Was wahr ist, versteht sich nur, indem gelernt wird, WARUM es wahr ist, was DAFÜR spricht, das es war sein könnte. Und was dafür spricht, dass es wahr sein könnte, lässt sich NUR verstehen, indem gefragt wird, was DAGEGEN SPRECHEN KÖNNTE. Das Nachdenken über das, was wahr ist, braucht den Zweifel, die Skepsis, braucht den Test der kritischen Befragung, ob die eigenen Annahmen, die eigenen Indizien, die eigenen Gründe wirklich taugen. WER NACHDENKEN WILL ÜBER DAS, WAS WAHR IST, BRAUCHT ALSO DEMUT. ( Carolin Emcke: Was wahr ist – Über Gewalt und Klima -Wuppertaler Poetikdozentur für faktuales Erzählen 2023)

„Das Leben ist ständig im Fließen. Alles ist unbeständig, sagte der Buddha, und das heißt: Es gibt keine feststehenden Größen, es gibt nur ein unablässiges Werden, ein Sichverwandeln alles Seienden. Und wir fließen mit, sind selbst immerfort Werdende. Jeder von uns begreift, dass es das große Werden ist, das uns von der Geburt über die Jugend und mittleren Jahre in das Sterben trägt. Wir können uns dem Altwerden nicht widersetzen, auch wenn wir es noch so sehr wünschen würden. Aber auch jede unserer Fähigkeiten, jede menschliche Begegnung, jede Lebensform ist dem Werden unterworfen und muss, wenn das Leben die Konstellation verändert hat, aufgegeben und in Neues verwandelt werden.“ (Margrit Irgang: Wunderbare Unvollkommenheit, 2014)

„Die große Schwierigkeit besteht aus meiner Sicht darin, dass die Zukunft aufgehört hat, ein Projekt zu sein und zu einer Projektion geworden ist. Wenn wir über Zukunft sprechen, dann sprechen wir über Arithmetik – zum Beispiel, wie die durchschnittliche Temperatur in 50 Jahren sein wird. Das heißt, wir schreiben Trendlinien fort und leben eigentlich, wenn wir uns Zukunft imaginieren, nur noch von der Projektion dessen, was alt ist. Wir sind nicht mehr in der Lage, uns die Welt deutlich anders vorzustellen, als so, wie wir sie kennen.“ (Ivan Krastev: „Man erwartet eine Politik, die so schnell liefert wie Amazon“ – Philosophie Magazin newsletter 21.09.2026)